Manifesta 16 Ruhr
This is not a church
Auf 2 Rädern zu 3 entwidmeten Kirchen
15. 7. 20261
13:30 Uhr Start der Fahrradtour nach Gelsenkirchen am AWO-Begegnungszentrum Kreuzkirche Marl-Sinsen, Goldregenstraße 17
15:30 Uhr Führung 1: St. Bonifatius Gelsenkirchen-Erle
16:15 Uhr Führung 2: Thomaskirche Gelsenkirchen Buer
18:30 Uhr Imbiss im AWO-Begegnungszentrum, Informationen zur neuen Nutzung aus erster Hand und Gelegenheit zur Besichtigung der Räumlichkeiten
Dies ist keine Kirche, so lautet das Motto der 16. Manifesta. Aber was ist es dann? Antworten findet man in zwölf entwidmeten Nachkriegskirchen in Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen. Nach Barcelona im Jahr 2024 findet die Europäische Nomadische Biennale diesmal vom 21.6. bis zum 4.10.2026 im Ruhrgebiet statt. In den ehemaligen Kirchen wird kleine und große Kunst gezeigt, Neues ausprobiert, bürgerschaftliches Engagement entwickelt.
Wir fuhren auf 2 Rädern zu 3 von den ausgewählten Kirchengebäuden und ließen uns zeigen, wie es da weitergeht. Start und Ziel der Rundtour war die Sinsener Kreuzkirche, Teil des erweiterten Manifesta-Programms. Unser Fahrrad-Guide Johannes fuhr voran durch Felder, Sand, Wiesen, Wald, Schlosspark, Friedhof, Zechentrassen. Er hatte eine schöne, abwechslungsreiche Route ersonnen! Dennoch zogen einige die Fahrt im Auto vor.
Erste Station: die Bonifatius-Kirche in Gelsenkirchen-Erle, erbaut 1963/64 von Ernst von Rudloff. Das Dach besteht aus 78 gefalteten Dreiecken, getragen von acht Betonpfeilern. Die Außenwände des gezackten Innenraums haben keine tragende Funktion. Sie schließen nach oben mit einem blau gerahmten Fensterband ab. Eine interessante Architektur!
Dieses 2007 entwidmete Gotteshaus, mittlerweile im Besitz der benachbarten Bäckerei Zipper, ist zu einem lebendigen Treffpunkt geworden und fördert dabei die enge Zusammenarbeit zwischen Künstlern, Anwohnern und einer breiten Gemeinschaft von Interessensgruppen. Vor dem Betreten des Gebäudes kann man im Ferdane Satir Teegarten heißen Tee aus dem Samowar genießen, im Sitzkreis die Blumen, Kräuter und allerlei Schlingpflanzen in großen Kübeln bewundern – eine Anspielung an das Schrebergartenprinzip. Die Toilette im Holzcontainer ist ein Trockenklo.
Die im Inneren präsentierte Kunst setzt sich mit der Anfangszeit der Gastarbeiter auseinander, lenkt den Blick auf Kunst, die bisher nicht so gesehen wurde, auf die Vergangenheit mit Perspektive auf die Zukunft.
Zweite Station: die Thomaskirche in Gelsenkirchen-Buer, erbaut 1965 von Fred Janowski & Albrecht Wittig und erst Ende Mai 2026 entwidmet. Sie steht unter Denkmalschutz und ist als Bauwerk der Nachkriegsmoderne Teil des Projekts Big Beautiful Buildings (BBB) von 2018.
Ihre Architektur ist geprägt durch geometrische Grundelemente, besonders das Dreieck. Ein hinter dem Altar befindliches Wandrelief in Form eines stilisierten Kreuzes, gestaltet vom Künstler Heinz Nickel, wird indirekt von oben durch eine schlitzartige Aussparung im Dach belichtet. Entlang der Seitenwände wird der Raum durch ansteigende Fensterlamellen erhellt. Die Kirchenbänke stehen noch.
Nähert man sich dem Gebäude, schaut durch das Fenster über dem Portal eine riesige, beringte Stadttaube auf einen herab, ihrem Blick kann man nicht ausweichen. Es ergeben sich Assoziationen zur Taube als christlichem Symbol des Heiligen Geistes, zur Friedenstaube, zur Brieftaube als sogenanntem Rennpferd des Bergmanns. Oder zur Taubenplage, zum urbanen Ärgernis!
Der Innenraum wurde für die Manifesta jetzt zum „Hava Güleç Wohnzimmer“, in welchem neben Fotos überwiegend textile Arbeiten von ihr und weiteren Arbeitsmigrantinnen ab den späten 1950er Jahren ausgestellt sind; bis jetzt wurden sie nur im häuslichen Umfeld bewahrt. Hava Güleç (1941-2009), Akkordarbeiterin bei Seppelfricke in Gelsenkirchen, versorgte neben ihrer Lohnarbeit die Familie, gab Rat und heilte Menschen in der Nachbarschaft – eine frühe Community-Bildnerin. An die Stelle sakraler Repräsentation ist auf diese Weise ein Raum der Intimität getreten, der Fürsorge und des Miteinanders. Aktuell befindet sich das Gebäude im Verkaufsprozess an ein Architekturbüro.
In Windeseile ging es zurück nach Sinsen – auf vier Rädern oder wieder auf zwei. 40 Kilometer betrug der Rundweg am Ende, ein Klacks für die knapp zwanzig Pedelec-Fahrerinnen…. Auch der einzige Radfahrer ohne Motor wirkte noch ganz frisch.
In der ehemaligen Sinsener Kreuzkirche servierte Heike Floer, der gute Geist der Kreuzkirche, köstlich erfrischende Getränke und berichtete über die Entwicklung des Gebäudes nach der Entwidmung. Riesige Pizzen vom Sinsener Pizzabäcker bildeten den kulinarischen Abschluss.
Fazit: Die große Gemeinsamkeit dieser drei ehemaligen Kirchen besteht in ihrer wichtigen, gemeinschaftsbildenden Funktion. Nicht nur in ihrer Zeit als Kirchen, sondern auch heute wieder, nur ohne religiösen Kontext. Bis zum 4. Oktober warten noch viele weitere Manifesta-Kirchen auf BesucherInnen!
Kulturverein sinsener art.
Vorsitzende: Helga Harder-Kühne
Mail an die Vorsitzende:
[email protected]
Kassenwart: Andreas Hellmons
